Samstag, 2. Dezember 2006
Jagdfieber, Jagdfieber ...
Frühmorgens war es. Kalt war es. Einsam auch. Auf irgendeinem Hochstand inmitten der Oberlausitzer Wälder, im Dezember 2006. Der Boden gefroren, der Wind scharf aus Südost. Ansitzdrückjagd haben es die gut 40 Jäger genannt. Und das heißt vor allem warten, still und konzentriert sein, den eigenen Herzschlag in den Ohren hören. Ob Wild in Schussweite vorbei streift, weiß keiner, ob überhaupt Wild in dem Gebiet ist, auch nicht. Warten. Innerliche Gratulation, dass der dicke Pelzmantel angezogen wurde - auch wenn es um die fünf Grad Celsius Plus ist. Die Hände bleiben nackt. Mit etwas Fantasie lässt sich beobachten, wie die Haut rissiger wird, durch den räudig kalten Wind. Es ist ein verdammt zeitiger Sonnabendmorgen. Viereinhalb Stunden Schlaf sind auch nicht gerade üppig. - Musste die Weihnachtsfeier ausgerechnet gestern stattfinden? - Kein Wild zu sehen, nur ein Jäger in 100 Meter Entfernung auf dem nächstgelegenen Hochstand - aber auch nur, weil er eine grellorangene Kappe trägt, sonst würde der dunkelgrüne Anzug ihn komplett mit der Umgebung verschmelzen lassen. Geradeaus liegt eine Schneise zwischen den jungen Birken. Vor 14 Jahren hat es hier gewaltig gebrannt. Die Natur heilt sich selbst, nur einige Schneisen bleiben eben - da sind die Räumgeräte durch, um dem Feuer die Nahrung abzuschneiden. Rechts zieht sich ein 40 Meter breites baumloses Band durch das Revier. Am Ende, in 16 Kilometer Entfernung ist die Stadt Weißwasser zu sehen. Dort schlafen die meisten Leute noch. Dann fällt der erste Schuss, gar nicht weit. Ein Knall, der so gar nicht wie im Kino klingt, irgendwie unecht. Ist aber echt - vielleicht der erste Abschuss an diesem Tag. Dann folgt Hundegebell, nicht aggressiv, eher freudig. Vermutlich eine Spur, die der vierbeinige Kollege aufgenommen hat. Zehn Minuten später rast er in Sichtweite am Hochstand vorbei. Schwer hat es der schwarzweiße, kniehohe Jagdhund. Das Wildgras ist hier hoch, er muss ständig springen, um voran zu kommen. Dann ist wieder Ruhe. Aber nur äußerlich. Im Inneren rechnet der Wartende damit, dass jeden Augenblick ein jagdbares Wild zwischen dem Unterholz durchbricht. Doch es passiert nichts. Irgendwo müssen die Treiber sein - der Hund gehört einem von ihnen. Dann flitzt ein Reh über die breite künstliche Lichtung. Völlig geräuschlos, nur ein Schatten im Augenwinkel hat es verraten. Der Jäger legt an. Doch das Reh ist zu schnell im Unterholz verschwunden. Doch die Schneise vor ihm lässt hoffen. Das Gewehr im Anschlag, die Atmung gezwungen ruhig. Das Zielfernrohr streicht über den Waldrand. Dort muss das Reh warten. Es weiß, dass die Lichtung Gefahr bedeutet. Kein Hundegebell, kein Treiber, das Reh bleibt verschwunden, kreuzt nicht die Schneise, die leicht mit dem todbringenden Blei zu bespucken wäre. Nach Minuten wird geräuschvoll ausgeatmet. Das Atmen wird einem erst jetzt wieder bewusst, erst jetzt wird tief Luft geholt. Warten. Zeit, die verpasste Chance auszuwerten. Das Reh war nur kurz zögerlich, aber da stand es zu weit rechts vom Jäger. Der ist Linkshänderschütze, kommt nicht ganz rum - weil halt noch einer mit auf dem Hochstand sitzt. Schuldgefühle beim Beisitzer. Andererseits hat so das Tier überlebt. Für und Wider. Es gibt zu viel Rehe und Rotwild für das Gebiet. Es frisst sich gegenseitig die Nahrung weg, geht dann an die Rinde der Bäume, schädigt das Ökosystem. Die Kulturlandschaft zieht bei aller Weitläufigkeit für das Wild Grenzen. Da eine befahrene Bundesstraße, da eine Siedlung, gar eine Stadt, dort ein Fluss. Zu viel Wild. Nicht alles dürfen die Jäger an diesem Tag schießen, es gibt Schonzeiten und regionale Verbote. Und wer ein wertvolles Tier erlegt - zum Beispiel einen kapitalen Hirsch - der muss dafür bezahlen. Er ist dann im Verkauf mehr wert, aber erstmal muss der Jäger ihn bezahlen. Von 200 Euro war die Rede. Wie viele von den 40 Bewaffneten würden schießen, um das Wildbret zu erhalten? Am Ende der Jagd wird sich zeigen, dass keiner der Schützen sein zur Strecke gebrachtes Wildtier behält. Jagd, Schuss, Lob, Aus. Die ersten 45 Minuten sind um. Wieder ein Schuss, gleich danach noch einer. Kino im Kopf - vermutlich hat der Schütze das Tier nicht richtig getroffen, musste noch mal draufhalten. Danach wieder Stille. Vögel zwitschern in dieser Jahreszeit nicht mehr. Das einzig beständige Geräusch verursachen die Autos auf der Betonplattenstraße in drei bis vier Kilometern Entfernung. Der Wind kommt jetzt in kräftigen Böen, dann ist es minutenlang fast windstill. Dann ist es fast warm. Die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel. Wieder ein Schuss - erschrocken zusammengezuckt. Es war der Jäger in Sichtweite. Sein Standort ist günstiger, er blickt direkt auf eine lange Schneise, auf die Treiber eventuelles Wild scheuchen. Der Rauch aus der Mündung des Gewehrs ist zu sehen, bevor der Schuss zu hören ist. Stille. Die Hochspannungsleitungen über dem Hochstand klacken ab und an. Bis das Geräusch identifiziert ist, hört es sich wie ein Wildtier an, das durchs Unterholz stakt. Dann kommt tatsächlich ein Reh. Es spurtet nicht all zu gehetzt über die breite Schneise, bleibt kurz am Rand des Wäldchens stehen. Der Jäger legt an. Was geht in ihm vor? Er wartet. Das Reh ist zu sehr in einer Linie mit dem nächsten Jäger auf dem Hochstand. Kein Risiko, ist die Devise. Alles spielt sich in Sekunden ab. Das Reh geht durch das Wäldchen, taucht aber nicht an der erwarteten Stelle bei der nächsten Schneise auf, es hat einen kleinen Bogen geschlagen. Wieder verharrt es kurz, läuft weiter, wartet kurz. Fast optimale Schussbedingungen, nur eine krüppelige Kiefer verhindert das gänzlich freie Schussfeld. Der Jäger zielt und zielt. Er könnte schießen, tut es nicht. Die Äste der Krüppelkiefer bewegen sich im Wind. Streift das Projektil einen Ast, ist kein sicherer Schuss möglich, das weiche Blei an der Spitze des Projektils würde sich verformen, vielleicht sogar aufsplittern - jedenfalls ist kein sicherer Schuss möglich. Und weg ist das Reh. Ein anderer Jäger hätte vielleicht geschossen. Es ist nicht ehrlos, daneben zu schießen - zu viele Faktoren entscheiden über Treffer oder Nichttreffer. Nur Anschießen, das Wild verletzen, ohne es zu töten - das wird nicht gerne gesehen. Humane Jagd also. Zumindest soweit möglich. Die Entscheidung fällt in Sekundenbruchteilen, wäre das Reh einen Meter eher angehalten, wäre es jetzt tot. So ist es entkommen. Nach 90 Minuten wird es zunehmend kalt an den Füßen und Beinen, trotz der mitgebrachten Decke. Die Hände sind sowieso eiskalt, genauso wie die Ohren und die Nase. An der bilden sich in immer kürzerer Zeit glasklare Tropfen - obwohl der Nasenträger keinen Schnupfen hat. Das Taschentuch ist in der Hosentasche. Unerreichbar auf dem engen Hochstand, mit der winterfesten Verpackung. Während das Taschentuch herausgefummelt würde, könnte alles mögliche passieren. Und Bewegung verrät den Jäger. Zur Stille gehört auch eine fast 100-prozentige Bewegungslosigkeit. Warten. Mit den Minuten verrinnen auch die Chancen, dass noch mehr Wild auftaucht. Zweieinhalb Stunden ist Feuer frei. Danach ist Schluss. Jagd besteht aus Regeln, vielen Regeln. Wieder Hundegebell. Wieder hat einer eine Spur, verfolgt sie freudig. Will dem Herrchen dienen - ohne an Stolz einzubüßen. Jagdhunde sind anders als Haushunde. Sie ähneln mehr selbstbewussten Katzen - nur dass sie die befohlene Aufgabe als ihre Aufgabe betrachten. Das Herrchen erlaubt ihnen die Jagd auf das Wild, sie folgen ihrem Trieb, aber kontrolliert, irgendwie professionell. Es gibt kein Herumtollen. Jagdhunde kläffen nicht, sie bellen. Dann ist ein Glöckchen zu hören. Erst ganz leise, könnte auch eine Sinnestäuschung sein. Dann deutlicher. Ein Treiber kommt mit seinem Hund. Wenn der Treiber durch ist, kommt wohl kaum noch Wild vorbei. Zwei Chancen gab es - keine Supermöglichkeiten, aber doch Chancen. Ob es noch eine dritte geben wird? Die Füße sind mittlerweile verfroren. Auch der Allerwerteste schmerzt langsam - das Hochsitzbrett ist eben hart. Die Kälte zieht in den Nacken, der langsam verkrampft - vermutlich die normale Muskelkontraktion aufgrund der Kälte. Die Finger schmerzen auch. Doch Handschuhe anziehen wäre Humbug, dann wäre die Jagd vorbei. Jetzt einen heißen Tee. Das wäre was. Auch der Magen meldet sich in immer kürzeren Abständen. Das Frühstück wurde in Dunkelheit eingenommen und nun ist fast Mittag. Die Sonne scheint zwar ungehindert, aber sie leuchtet nicht dunkelgelb. Es ist eher so ein blasses, kraftloses Gelb. So richtig gibt sie keine Wärme, das ist wohl eine Sinnestäuschung, die letzte Erinnerung an den Sommer. Trotzdem, im Schatten, im feuchten Unterholz will man auch nicht rumstehen. Dann schon lieber auf dem zugigen Hochsitz. Dann ist die Zeit um. Zwei Minuten bis zum Schussverbot. Der Jäger holt die Patrone aus dem Lauf. Durch das Klacken wird das vermutlich schon zu anfangs gesichtete Reh aus dem Unterholz getrieben. Jetzt geht es ganz schnell. Durchladen, anlegen - und - zu schnell. Das Reh ist über die breite Schneise hinweg, ins Unterholz. Das war wieder knapp. Sekunden später kracht noch einmal der Schuss vom nächsten Jäger. Durch sein Schussfeld müssen sie alle. Doch auch er hat nicht getroffen. Ein sehr schönes Reh war das. Vielleicht ist es besser so. Dann ist die Jagd vorbei. Die Treiber und Jäger werden wieder eingesammelt. Der nächstgelegene Jäger hat tatsächlich ein Reh geschossen, mit einem perfekten Plattschuss. Die Eintrittswunde ist kaum zu sehen. Dafür hat das Projektil beim Austreten aus dem Reh ein handtellergroßes Loch gerissen. Der Jäger hat es schon aufgebrochen. Die Innereien liegen im Gras. Er scheint geübt, es gibt keine Einzelstücke - es ist eher wie eine organische Batterie mit einigen Kabeln, die jemand aus der Maschine Reh genommen hat. Die Zunge des Rehs hängt seitlich aus dem Maul. Die Augen sind starr, aufgerissen und glasig - die riesigen Pupillen haben einen Stich ins grünliche. Es könnte aber auch das Gras sein, dass sich in ihnen spiegelt. Der Boden ist voller Blut - aber weniger als gedacht. Es muss sofort tot gewesen sein, fiel einfach um, so die Jagdkollegen einstimmig. Der erfolgreiche Jäger ist sichtlich stolz - versucht aber seine Freude über den guten Schuss hinter professioneller Geschäftigkeit zu verbergen. Aber in ihm tanzt es, das ist doch zu sehen. Er hat ein sehr schönes Gewehr. Das Holz ist fein gemasert, die Mechanik glänzt mattsilbern. Und das Gewehr sieht mächtig aus, nicht groß, aber dominant. Der Jäger ist klein, trägt eine Brille und ist Doktor für irgendwas. Dann geht es zurück an den Sammelplatz. Nach einer halben Sunde sind alle wieder beisammen, auch die Treiber. Nur ein Hund fehlt, der jagt noch, weiß wohl nicht, dass jetzt Schluss ist, scherzen die Jäger. Ein Feuer haben emsige Helfer entzündet - es ist unglaublich professionell in den Waldboden gegraben, mit Erde drumherum, selbst die Holzscheite liegen wie auf einem Lehrbuchbild. Am Rand des Sammelplatzes steht ein Imbisswagen. Es gibt Kaffee, Cola, Bier, Saft, Bratwurst - und Wildgulasch. Zehn Meter entfernt ist ein Platz mit Tannenzweigen ausgelegt. Drei Rehe liegen darauf. Neun Schüsse sind an diesem Jagdtag gefallen. Die Jäger hätten sich mehr Beute gewünscht - aber es gab auch schon Jagten ohne einen einzigen Abschuss. Viele haben gar kein Wild zu Gesicht bekommen. Die Treiber sind durchgeschwitzt. Es war ein guter Jagdtag. Vor allem das Wetter. In den kleinen Grüppchen um das Feuer wird wenig Jägerlatein erzählt. Eher geht es um Ausrüstung, was heute erlebt wurde, wie es diesem und jenem Bekannten geht. Sie scheinen froh, hier gemeinsam unterwegs gewesen zu sein. Dann wird mit etwas Ritual und wenig Tamtam die Ehrung der erfolgreichen Schützen durchgeführt. Die Hornbläser beenden die Jagd. Die Wildgulaschsuppe war vorzüglich.

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